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Geschäftsbericht 2024

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Alexander Oberdieck
Bildungsreferent
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Dr. Beate Blüggel ist Leiterin der Volkshochschule Aachen und Vorsitzende von Arbeit und Leben NRW.

Anja Weber ist Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds NRW und Vorsitzende von Arbeit und Leben NRW. 

Der Geschäftsbericht 2024 bietet wie gewohnt einen Überblick aller Aktivitäten von Arbeit und Leben NRW.

Ein Highlight des Jahres war die Festveranstaltung anlässlich unseres 75. Jubiläums. Die Impressionen der Veranstaltung und ein kurzer Bericht finden sich ebenfalls im Geschäftsbericht. Anlässlich des Jubiläums setzen wir uns im Gespräch mit Anja Weber und Dr. Beate Blüggel zudem mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Arbeit und Leben in NRW sowie der Politischen Bildung insgesamt auseinander. Es geht um Orientierung, Verantwortung und die gemeinsame Suche nach Wegen in eine demokratische Zukunft.

75 Jahre Arbeit und Leben NRW - Dialog mit Anja Weber und Dr. Beate Blüggel

David Mintert: Wir sitzen hier heute vor einer Vorstandssitzung zusammen, um diesen Dialog zu führen. Der Vorsitz bei Arbeit und Leben ist ein Ehrenamt und eure hauptamtlichen Jobs sind an sich schon sehr anspruchsvoll. Was motiviert euch beide dazu, dieses Ehrenamt auszufüllen?

Beate Blüggel: Ich denke, wir brennen beide für die Sache und da unterscheidet man dann nicht zwischen Ehrenamt und Hauptamt. Manchmal spreche ich scherzhaft von einer Work-Work-Balance. Genaugenommen ist es aber so, dass ich sowohl bei der VHS als auch für Arbeit und Leben, das mache, was andere in ihrer Freizeit tun, um ihrem Leben einen Sinn zu geben. Ich empfinde es als großes Privileg, voll hinter der Sache stehen zu können. 

Anja Weber: Das kann ich eins zu eins unterschreiben. Was ich an Arbeit und Leben außerdem besonders schätze, ist die Zusammenarbeit über die eigene Organisation hinweg. Wenn diese zwei Seiten – also die VHS und der DGB – zusammenkommen und ihre unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen einbringen, macht das einfach Spaß.

David Mintert: Die beiden Träger DGB und VHS arbeiten jetzt schon sehr lange zusammen. Was ist der konkrete Mehrwert für sie dabei?

Anja Weber: Wir schätzen ganz besonders die hohe Kompetenz der Volkshochschulen in allen Bildungsfragen. Genau wie wir als DGB bringen die Volkshochschulen in ihrer täglichen Arbeit Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammen, aber eben auf eine andere Art undmit teilweise anderen Zielgruppen. Wir haben hier also eine Gemeinsamkeit, die verbindet, aber gleichzeitig das Spektrum deutlich erweitert. Etwas zugespitzt würde ich sagen: Arbeitswelt und Zivilgesellschaft kommen so zusammen.

Beate Blüggel: Ergänzen lässt sich das Bild aus der lokalen Perspektive, in meinem Fall für Aachen. Im Oktober 1944 haben die Amerikaner Aachen als erste Großstadt im Westen von den Nazis befreit. Fünf Monate später wurde in Aachen die erste freie Gewerkschaft gegründet. Die Volkshochschule Aachen folgte im März 1946. Natürlich ging es für die Menschen damals als ers-tes um die Existenzsicherung. Die Bedürfnisse, eigene Interessen effektiv vertreten zu können und einen Zugang zu Weiterbildung zu haben, sind aber ebenfalls elementar und folgten schnell. Arbeit und Leben NRW vereint diese beiden Bedürfnisse.

"Die Bedürfnisse, eigene Interessen effektiv vertreten zu können und einen Zugang zu Weiterbildung zu haben, sind aber ebenfalls elementar und folgten schnell. Arbeit und Leben NRW vereint diese beiden Bedürfnisse."

Beate Blüggel

Anja Weber: Das finde ich einen ungemein wichtigen Aspekt: Bildung und Solidarität sind mensch-liche Grundbedürfnisse und Voraussetzungen, um das eigene Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Diese Grundbedürfnisse zu fördern, macht das Engagement von Arbeit und Leben so wichtig.

David Mintert: In der Zeit nach der Nazi-Diktatur war der Auftrag von Arbeit und Leben klar formuliert: Arbeitnehmer*innen wieder demokratische Werte vermitteln und ihnen die Mitgestaltung einer Demokratie ermöglichen. Ist dieser Auftrag so immer noch aktuell?

Anja Weber: Unbedingt. Inzwischen können wir uns auf 80 Jahre demokratische Erfahrung stützen, das ist anders als 1933. Trotzdem: Unsere Demokratie steht aktuell unter Beschuss und wir müssen Wege finden, die Menschen noch besser zu erreichen. Mit Arbeit und Leben haben wir schon vor einiger Zeit neue Ansätze auf den Weg gebracht und können hier einen wichtigen Bei-trag leisten.

Beate Blüggel: Vor 10 Jahren war mir Politische Bildung wichtig, ich hatte aber nicht den Eindruck, dass sie zum unmittelbaren Erhalt unserer Demokratie beitragen muss. Heute ist das anders.  Damit das gelingt, müssen wir vor allem die Neugier auf Wissen neu wecken. Nach 1945 wollten auch nicht alle gemeinsam eine Demokratie aufbauen. Es gab aber in weiten Teilen der Bevölkerung eine Aufbruchstimmung und den Wunsch nach Bildung. Vielen Menschen war klar, dass sie der Nazipropaganda aufgesessen waren, und sie wollten sich nicht weiter für dumm verkaufen lassen. Die Ausgangssituation war eine andere, aber eine Aufbruchstimmung, die brauchen wir auch heute.

"Vor 10 Jahren war mir Politische Bildung wichtig, ich hatte aber nicht den Eindruck, dass sie zum unmittelbaren Erhalt unserer Demokratie beitragen muss. Heute ist das anders. "

Beate Blüggel

David Mintert: Unsere Jubiläumsveranstaltung im November 2024 war kurz nach den US-Wahlen und wir wussten noch nicht, was die Umsetzung der angekündigten Politik auslösen würde. Ihr habt bei der Veranstaltung mit gemischten Gefühlen auf die kommenden Monate geblickt und zugleich die Chancen betont, die in politischer Bildungsarbeit liegen. Wie bewertet ihr das heute?

Beate Blüggel: Eine Weile habe ich jeden Morgen als erstes nachgelesen: Was hat er denn heute Nacht gemacht? Dieses demokratiezersetzende Handeln ist auch für uns brandgefährlich, denn die USA sind oftmals Vorreiter für Dinge, die bei uns zeitversetzt ankommen. Meine Hoffnung ist, dass die Vorgänge in den USA ein Weckruf sind und die Menschen in Deutschland verstehen, was auf dem Spiel steht. Mit Politischer Bildung können wir einen wichtigen Beitrag zu diesem Reflexionsprozess leisten, da bleibe ich optimistisch.

Anja Weber: Bei uns ist seitdem einiges geschehen, was Parallelen aufweist. Die besorgniserregenden Ergebnisse bei der Bundestagswahl sind eine Sache. Was davor und danach geschehen ist, bringt für mich aber besser zum Ausdruck, wo die Gefahren liegen. Kurz vor der Bundestagswahl haben wir erlebt, dass plötzlich im Parlament Mehrheiten mit einer Partei gesucht wurden, die in großen Teilen rechtsextrem ist. Nach der Bundestagswahl kam dann noch die Anfrage der CDU im Bundestag zur politischen Neutralität von zivilgesellschaftlichen Organisationen dazu. Zuvor hatte die FDP eine ähnliche Anfrage im Landtag NRW gestellt. Dieses Infragestellen von demokratischem Engagement, wenn es nicht der eigenen Meinung entspricht, untergräbt unsere Grundfeste. Wir brauchen heute also gar nicht mehr bis nach Amerika zu schauen, um die Verschiebungen zu sehen. 

David Mintert: Wir haben im Bundestagswahlkampf gesehen, dass in Sozialen Medien nicht nur rechtsextreme Positionen funktionieren. Linke Politik, in zugespitzter Form und mit einem freundlichen Gesicht verkauft, kann dort ebenfalls erfolgreich sein. Muss politische Bildung auch auf TikTok präsent sein?

Anja Weber: Unterschiedliche Organisationen haben ausprobiert, wie sie auf TikTok gegen extremistische Positionen gezielt Stellung beziehen können. Durch die sehr starke Polarisierung ist es unglaublich aufwendig und bewährt sich häufig nicht. Ich glaube, was Soziale Medien können, ist vielfältigere Positionen sichtbar machen und Sympathien schaffen. Eine Erfahrung von echter Selbstwirksamkeit bekomme ich nicht über Soziale Medien. Politische Bildung muss differenziert darauf schauen, welche Rolle Soziale Medien in ihrer Arbeit spielen sollten.

"Eine Erfahrung von echter Selbstwirksamkeit bekomme ich nicht über Soziale Medien. Politische Bildung muss differenziert darauf schauen, welche Rolle Soziale Medien in ihrer Arbeit spielen sollten." 

Anja Weber

Beate Blüggel: Es ist schon gewaltig was da täglich an Messages auf die jungen Menschen einprasselt und Politische Bildung sollte auf jeden Fall zu einem reflektierten und kritischen Umgang mit Social Media befähigen. Die jungen Menschen warten aber nicht darauf das von uns erklärt zu bekommen. Wir müssen Ansätze suchen, wie wir es schaffen, die jungen Menschen selbst einzubinden, beispielsweise Influencer*innen finden, die für die gute Sache mit einstehen wollen.

Anja Weber: Der DGB hat aus diesem Grund die Influencer Akademie gegründet, eben genau mit jungen Leuten, die eine Affinität für das Medium haben. Dazu gehört auch zu lernen, plakativer zu kommunizieren – damit tut sich Politische Bildung manchmal schwer. 

Beate Blüggel: Ein Teil des Problems ist tatsächlich, dass Politische Bildner*innen es gewohnt sind alles sehr differenziert darzustellen, das funktioniert in Sozialen Medien einfach nicht. Es ist wichtig, diesen Anspruch nicht über Bord zu werfen – manchmal stehen wir uns aber damit selbst im Weg. Das richtige Maß für eine zielgruppengerechte Ansprache zu finden ist eine Kunst für sich. Genau deshalb bin ich ein Fan des Projekts Arbeitsmigration fair begleiten. Es ist ermutigend zu sehen, wie erfolgreich die Kolleg*innen mit diesem Beratungs- und Aufklärungsansatz in den Sozialen Netzwerken sind. 

David Mintert: In Sozialen Netzwerken stößt man auf unterschiedliche Meinungen, aber auch am Arbeitsplatz werden Menschen zwangsläufig damit konfrontiert. Wie können wir Betriebe und Dienststellen noch mehr für politische Bildung aufschließen? 

Anja Weber: Es ist sehr wichtig, dass wir die Arbeitgeber an dem Punkt fordern. Demokratie darf eben nicht am Werkstor aufhören. Der Betrieb ist einer der wenigen Orte, wo Menschen außerhalb ihres eigenen privaten Umfelds zusammenkommen. Hier kann und muss Demokratie gelebt – und auch gelernt – werden. Betriebsratsarbeit und Tarifverhandlungen stärken die Selbstwirksamkeit und die Kompromissfähigkeit gleichermaßen – und damit ganz wichtige demokratische Grundwerte. Deshalb ist es ein riesiges Problem, wenn Menschen, die sich zusammenschließen und Betriebsräte bilden wollen, von den Arbeitgebern teilweise auf das Erbittertste bekämpft werden.  Eine größere Offenheit vieler Arbeitgeber wünsche ich mir auch hinsichtlich der Inhalte von Bildung. Bildung hat immer etwas Emanzipatorisches, auch wenn sie nicht im engsten Sinne politisch ist.

Beate Blüggel: Auch in den Volkshochschulen treffen Menschen aus fast allen Teilen unserer Gesellschaft mit unterschiedlichsten Hintergründen und Überzeugungen zwangsläufig aufeinander. Der Ausgangspunkt ist für mich immer die Neugierde, die müssen wir bei Menschen wecken. Ich erzähle in dem Zusammenhang gerne die Geschichte von einer Gender-Matinee, die wir veranstaltet haben. Da gab es Beiträge aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Als die Matinee vorbei war, kam eine ältere Dame mit den Worten auf mich zu: „Sie sind doch hier die Leiterin?“ Ich hatte schon Befürchtungen, was jetzt kommt. Dann sagte sie mir sehr zufrieden: „Ich habe mich immer gefragt, worüber die sich eigentlich so streiten. Jetzt habe ich es verstanden.“ Das ist der Grund, warum ich diesen Job mache. Nicht, damit irgendjemand am Ende sagt: Ich bin dafür oder dagegen, sondern: jetzt habe ich verstanden, worum es geht. Das ist für mich der Kern politischer Bildung. 

"Das ist der Grund, warum ich diesen Job mache. Nicht, damit irgendjemand am Ende sagt: Ich bin dafür oder dagegen, sondern: jetzt habe ich verstanden, worum es geht. Das ist für mich der Kern politischer Bildung."

Beate Blüggel

David Mintert: Trotzdem gibt es seit einigen Jahren aus einer bestimmten politischen Richtung zunehmend die Forderung nach Neutralität in der Bildung. Wie muss sich Politische Bildung da aus eurer Sicht positionieren? 

Beate Blüggel: Es gibt den schönen Satz: „Die Volkshochschulen sind Töchter der Demokratie und Kinder verteidigen ihre Eltern.“ Die Volkshochschulen sind eben nicht dazu da, alles mit sich machen zu lassen. Im Moment benötigen unsere Kursleiter*innen viel Unterstützung ähnlich wie zahlreiche Lehrer*innen an Schulen, weil es im großen Stil strategische Kampagnen gibt, die behaupten: „Das dürfen Sie doch gar nicht sagen“. Da müssen wir aufklären und den Rücken stärken. Der Beutelsbacher Konsens ist da eindeutig. Ich habe die Hoffnung, dass wir in diesem Diskurs unsere Grenzen sehr genau ausleuchten und am Ende sagen können: Bis hierher und nicht weiter.

Anja Weber: Demokratiebildung muss die Menschen zum Streit befähigen. Dazu gehört auch sich selbst zu positionieren und zu sagen: „Ich finde die CDU oder die „Omas gegen Rechts“ toll, was ist denn deine Meinung dazu?“ Nicht um jemanden zu überrollen oder die Meinung abzusprechen, sondern um in eine Diskussion zu kommen und Kontroverse zuzulassen – da sind wir wieder beim Beutelsbacher Konsens. Lehrer*innen, politische Bildner*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen brauchen dafür Ermutigung. Wir müssen sehr darauf achten, dass wir das deutlich machen: Parteipolitische Neutralität darf nicht heißen, dass man unpolitisch ist! 

"Wir müssen sehr darauf achten, dass wir das deutlich machen: Parteipolitische Neutralität darf nicht heißen, dass man unpolitisch ist!"

Anja Weber

David Mintert: Wir müssen aus unserer sozialen Komfortzone, aus der eigenen Blase heraus und in den Dialog gehen, das war eine der Hauptthesen von Meron Mendel bei unserer Veranstaltung. Stellt euch vor ihr seid in einem Bundesland, wo die AfD gesichert rechtsextrem und die stärkste Partei ist. Wie funktioniert das?

Anja Weber: Wir müssen einerseits die Brandmauer aufrechterhalten und dürfen die AfD nicht normalisieren. Die AfD ist für den DGB kein Gesprächspartner. Andererseits müssen wir uns mit Positionen und Haltungen von Menschen auseinandersetzen und das bei weitem nicht nur im Osten von Deutschland. Die Herausforderung ist, manche Positionen im Gespräch zu ertragen. Deshalb empfehle ich wieder die Neugier. Wir werden diese Positionen nicht wegdiskutieren, die Ursachen besser zu verstehen, kann uns aber weiterbringen. Dafür brauchen wir Strategien, die wissenschaftlich begründet sind und durch politische Bildung umgesetzt werden: Wie bilden sich Meinungen heraus? Wie bricht man emotionale Befindlichkeiten auf?

Beate Blüggel: Wir treffen zunehmend auf verhärtete Fronten. Wir müssen einen Weg finden, wie wir miteinander reden können und wie wir über Fakten reden können. Zunehmend denken Menschen: "Das, was ich glaube, ist richtig, und das darf keiner negieren." Sobald jemand sagt "Das stimmt nicht", fühlen sie ihre Meinungsfreiheit angegriffen. Im besten Falle hilft uns die kritische Reflexion dabei anders auf Dinge zu schauen und Positionen verständnisvoll, aber mit noch mehr Entschlossenheit zu vertreten.

"Dass politische Bildung auf Marktplätzen stattfindet, wäre früher nicht denkbar gewesen, weil das kein klassisches Lernsetting ist."

Anja Weber

Anja Weber: Das größte Geschenk in Gesprächen ist die kluge Frage. Oft geht es uns aber eher darum, auf die klugen Antworten zu setzen. Dabei verändert eine kluge Frage oft sehr viel mehr. Ich glaube, wir brauchen insgesamt einen Kulturwandel. Dass politische Bildung auf Marktplätzen stattfindet, wäre früher nicht denkbar gewesen, weil das kein klassisches Lernsetting ist.  Genau das machen eure Kolleg*innen aber mittlerweile. Deshalb finde ich auch Projekte wie wo_men@work so unglaublich wichtig. Da kommen aufsuchende politische Bildungsarbeit und dieser konkrete Anlass einer Werksschließung zusammen. Die Kolleg*innen stellen sich tatsächlich erstmal mit einem Stand auf den Marktplatz und hören den Menschen im Stadtteil zu. In dieser Weise auf die Menschen einzugehen, sich ihre Perspektiven anzuhören, ihre Interessen und Bedürfnisse sichtbar zu machen und Verständnis zu schaffen, ermöglicht ganz andere Zugänge.